Wir haben wirklich extrem spannende und herzliche Menschen im Rahmen unseres Hobbys kennengelernt! Diese Veranstaltungsarmen Corona-Zeiten sind daher auch eine Möglichkeit hier den ein oder anderen Teilnehmer unserer Oldtimer-Veranstaltungen vorzustellen bzw. Gastbeiträge mit Hintergrundgeschichten zu veröffentlichen.

Heute starte ich mit einem Zweiteiler unseres ProtoChampSerie-Teilnehmer Dietrich der auf über 20 Jahre Motorsport zurückblicken kann und auch nach über 20 Jahren noch aktiv ist 👍.

Hier und heute geht es um die Formel Junior, Sir Stirling Moss und um Goodwood. Im zweiten Teil machen wir einen Ausflug zum Monaco Historique Grand Prix!


Gastbeitrag von Dr. Dietrich Merkel, Braunschweig

 

 

Der Tod von Sir Stirling Moss – ein guter Anlass zum zurück blicken

Nachdem nun für dieses Jahr nahezu alle Oldtimer-Veranstaltungen auf Grund der Corona Pandemie abgesagt sind, kann man sich mal in Ruhe seinen Unterlagen über die Aktivitäten im Bereich der historischen Rennen der letzten Jahre widmen. Der weitere Anlass war für mich der Tod meines Idols Sir Stirling Moss. Aber er war sehr krank und hat in den letzten Jahren die Öffentlichkeit gemieden; selbst bei den Feierlichkeiten zu seinem 90. Geburtstag (geb. 17.09.1929), mit einer bewegenden Rede von Goodwood Chef Lord March beim Revival 2019, war nur seine Frau zugegen (bei Youtube zu sehen).

Im Verlauf meiner Teilnahme an historischen Rennveranstaltungen von 1995 bis 2017 mit meinen Formel Junior Fahrzeugen in ganz Europa, von Imola in Italien bis Mondello Park in Irland und alles was dazwischen liegt (Mugello, Misano, Monza, Dijon, Nürburgring, Hockenheim, Brands Hatch, Silverstone, Cadwell Park, Oulton Park), bin ich oft den Spuren von Moss gefolgt. Persönliche Berührungen beschränken sich auf zwei herausragende Veranstaltungen: Goodwood Revival und Monaco Historique Grand Prix, deswegen werde ich mich nun ausführlich diesen beiden Veranstaltungen widmen, die auch für mich die „highlights“ meiner Teilnahme an historischen Rennen darstellen.

Die Formel Junior 1958-1963

Doch zunächst möchte kurz auf die Formel Junior eingehen, denn in dieser Klasse war ich nahezu 20 Jahre unterwegs. Diese internationale Rennwagenformel wurde Ende der 50. Jahre vom italienischen Sportwagenfahrer Graf Lurani ins Leben gerufen und sollte als preiswertes Fahrzeug den Einstieg für Nachwuchsfahrer in den Formelsport erleichtern. Aus diesem Grund wurden folgende wesentliche Vorschriften für die Konstruktion festgelegt: Motor, Getriebe und Bremsen aus einem aktuellen Serienfahrzeug, Motor entweder 1000 ccm (dann Minimalgewicht 360 kg), oder 1100 ccm (dann Minimalgewicht 400 kg); Chassis und Karosserie waren freigestellt.

Weltweit hunderte Konstrukteure die Formel Junior Rennwagen entwickelten

1958/59 erschienen dann die ersten italienischen Rennwagen auf Basis des Fiat 1100 und sahen wie etwas verkleinerte Formel 1 Fahrzeuge aus, z.B. Stanguellini, Volpini, Taraschi. 1959 wurde Michael May auf Stanguellini internationaler Meister und gewann auch das Rennen in Monaco. Doch die Engländer stiegen schnell in diese Klasse mit bekannten Rennwagenkonstrukteuren wie COOPER (T52, T56), LOTUS (Chapman mit Lotus18),  LOLA (Broadley mit MK2) und BRABHAM (BT2) ein und waren nach kurzer Zeit ab 1960 die Gewinner auf den Rennstrecken. Auch in Deutschland gab es Entwicklungen in dieser Formel, z.B. die TCA (Trips-Colotti-Automobili) Fahrzeuge durch Graf Berge von Trips. Erfolgreich war indessen nur Gerhard  Mitter, der seine  Formel Junior Fahrzeuge mit dem DKW-Dreizylinder-Zweitaktmotor ausstattete und damit besonders bei Bergrennen Erfolg hatte. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass es hunderte von Konstrukteuren auf der ganzen Welt gab, die Formel Junior Rennwagen entwickelten, so gesehen bisher die erfolgreichste Formel weltweit.

1964 folgte die neue Formel 3

Leider ging die Entwicklung in den weiteren Jahren nicht in die von Graf Lurani gewünschte Richtung des preiswerten Einstieges in den Formelsport. 1963 war das letzte Jahr für die Formel Junior und die Rennwagen hatten mittlerweile Trockensumpfmotoren mit ca. 140 PS bei 11000 UpM, Monocoquechassis, Hewland 5-Gangrenngetriebe, Scheibenbremsen an allen Rädern. Teuer und weit entfernt von den Wagen 59/60/61. Es folgte ab 1964 die neue Formel 3 (Screamer).

Allerdings begann schon 1972 die Formel Junior im historischen Bereich zu erscheinen. Zu Beginn der 90. Jahre erfolgte die Gründung „Formula Junior Historic Racing Association“FJHRA -in England, treibende Kraft war der Londoner Duncan Rabagliati, der bis heute diese Organisation leitet und auch dafür gesorgt hat, dass diese Association früh der FIA angeschlossen wurde. Seit 1997 bin ich Mitglied der FJHRA und nahezu an allen historischen Rennen, an denen ich teilgenommen habe , insbesondere Goodwood und Monaco, wurden durch FJHRA organisiert.

Die Wiederbelebung der Goodwood Events

Wenn man auf die Landkarte von England sieht, findet man nördlich von Chichester (West Sussex) kleingedruckt den Namen Goodwood; hier befinden sich die Güter der Duke of Richmond. Heute leitet Lord March – Charles Henry Gordon-Lennox, Earl of March and Kinrara – die Geschicke des Adelsgutes. Er ist auch der Verantwortliche  für die Wiederbelebung der motorsportlichen Aktivitäten auf seinem Adelsgut.  Es gibt drei Veranstaltungen im Jahr: Members Meeting im März (seit 2014), Festival of Speed (seit 1994) im Juni und das Goodwood Revival (seit 1998) im September. Members Meeting und Revival finden auf der Rennstrecke von Goodwood statt, Festival of Speed auf einer kurzen Bergstrecke am Schloss Goodwood – Goodwood House genannt, dem „Wohnhaus“ von Lord March – vorbei.

Für ausführliche Information empfehle ich das Buch von  Knut Gielen „Goodwood, Revival-Members Meeting-Festival of Speed“, Delius Klasing Verlag, in Deutsch und Englisch.

Das „Goodwood Revival“

Die weiteren Ausführungen hier beziehen sich auf das Goodwood Revival, eine Rennveranstaltung, an der man nur auf persönliche Einladung von Lord March teilnehmen kann. Die Rennstrecke ist ca. 4 km lang und basiert auf einem Versorgungsring um den Flugplatz Goodwood Aerodrome. Dieser Flugplatz entstand zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, als Freddy March – Neunter Duke of Richmond  und Großvater von Lord March – der Royal Air Force (RAF) das Gelände zur Verfügung stellte: RAF Westhampnett. Die Engländer errichteten zu dieser Zeit viele Flugplätze im Süden Englands so, dass die deutschen Jagdflugzeuge zwar bis dahin kamen, aber aufgrund des Treibstoffvorrates (Me 109 für ca. 90 Minuten) keine Dogfights machen konnten, sonst hätten sie auf dem Rückflug im Kanal landen müssen. 

 

 

Das Bild zeigt die Rennstrecke mit seinen markanten Kurven und Geraden. Hier begann im September 1948 der Rennbetrieb, und hier begann auch die Kariere von Stirling Moss, der im Alter von 19 Jahren am 18. September (einen Tag nach seinem Geburtstag) mit einem COOPER JAP das Formel 3 Rennen gewann, die sogenannte  „Earl of March Trophy“.

Diese  Formel 3 wurde von 1948 bis 1958 gefahren.

Die Rennwagen, nach dem Krieg aus Schrottteilen, z.B. aus Fiat Topolino Radaufhängungen, aufgebaut, waren mit einem Motorradmotor (fast ausschließlich JAP,  NORTON oder BMW) mit 500 ccm Hubraum ausgestattet; die Leistung lag mit  Methanol bei ca. 50 PS. Da die Autos nur gut 200 kg wogen, ergaben sich jedoch ganz gute Fahrleistungen.

Im Bild zu sehen ist ein COOPER 500 MK8 mit Norton Manx Motor. Dieses Fahrzeug aus dem ehemaligen Besitz der  bekannten Rennfahrerfamilie Kurt Ahrens Sen. und Jun., konnte ich Anfang der 90. Jahre erwerben, und mit diesem Rennwagen startete ich bei einigen historischen Rennveranstaltungen (Bild auf dem Nürburgring). Dieser Rennwagen entspricht den Formel 3 Fahrzeugen, mit denen Stirling Moss Ende der 40. und Anfang der 50. Jahre seine Karriere, nicht nur in Goodwood, begann.

Stirling Moss gewann in Goodwood unzählige Rennen mit Formel- und Sportwagen, bis er 1962 bei einem Rennen in Goodwood schwer verunglückte, aber mit Kopfverletzungen und zahlreichen Brüchen überlebte. Nach Genesung und einigen Testfahrten entschloss sich Moss, seine Karriere als aktiver Fahrer zu beenden.

Auf der Rennstrecke von Goodwood fanden dann bis 1966 weitere Rennen statt; dann wurde die Rennstrecke geschlossen, da die Rennfahrzeuge zu schnell für die Strecke wurden und die entsprechenden Sicherheitseinrichtungen einen zu großen Aufwand bedeuteten hätten.

In den 90ger Jahren begann die Restaurierung der alten Rennstrecke

Mit großem Engagement und gegen viele Widerstände begann Lord March Mitte der 90. Jahre die Restauration der alten Rennstrecke, um eine Wiedereröffnung für den  Rennbetrieb mit historischen Fahrzeugen zu erreichen. Als Schirmherren fungierten dabei Stirling Moss, John Surtees und Damon Hill. Dann endlich konnte 1998 Lord March die Einladungen zu dem ersten Revival im September verschicken; das Motto war „A magical step back in time“.

 

Stirling Moss und Lord March bei der Eröffnung 1998, zwei Hauptakteure beim Kampf um das Revival.

Eingeladen wurden 11 verschiedene Gruppen an Rennfahrzeugen und Motorrädern, die alle bis 1966 schon einmal in Goodwood gefahren waren. Dazu gehört auch der „Chichester Cup“ für Formel Junior Rennwagen der Zeit 1958/63. Als Mitglied der FJHRA erhielt ich dann eine persönliche Einladung von Lord March für das erste Revival vom 18. bis 20. September 1998.

 

Beim diesem Rennen war ich 1998 mit einem Huffaker BMC dabei.

 

Weitere Einladungen dann 2004 mit einem BRITANNIA FORD 2006 mit einem LOLA MK2, 2007 und 2013 wieder mit dem BRITANNIA. Wie üblich bei internationalen Rennveranstaltungen muss ein Historischer Technischer Pass (HTP) vorhanden sein, und der Fahrer muss im Besitz einer internationalen Lizenz sein. Ist auch notwendig, denn bei den Rennen wird knallhart gefahren. Zu sehen bei diversen Filmen vom Revival bei Youtube.

Ein Blick auf das legendäre Revival-Wochenende

Für denjenigen, der noch nicht dabei waren, ist der Ablauf des Revival-Wochenendes (hier geschildert bis 2013)  interessant und weckt sicherlich den Wunsch, Goodwood als Teilnehmer oder Besucher zu erleben. Anreise am Mittwoch oder Donnerstag, „Sign on and scrutineering“ während des Donnerstages. Donnerstag um 14:00 Uhr treffen sich alle zum traditionellen Cricket Match, das auf einer Wiese vor Goodwood House ausgetragen wird. Man steht oder sitzt vor einem großen Zelt (Goodwood Cricket Pavilion); es gibt Kaffee und Kuchen, Champagner und Pimms (Früchte -Sekt -Gemisch) und beklatscht die Aktionen auf dem Spielfeld, Derek Bell ist stets dabei.  Plötzlich fegen in Baumwipfelhöhe Me 109, Mustang P51, Spitfire und Hurricans über den Platz, mit einem betörenden Geräusch der Daimler Benz DB 605 und Rolls Royce Merlin Motoren, eine phantastische Schau der WW2 Jäger beginnt. Danach begeben sich alle in den Pavilion und es beginnt Drivers Briefing. Lord March begrüßt zunächst alle Teilnehmer, an seiner Seite der offizielle Rennleiter und – meist- Stirling Moss. In seinen Grußworten bittet Lord March eindringlich darum, vernünftig zu fahren und keine Unfälle zu verursachen; die Zukunft des Revivals könnte davon abhängen (tödliche Unfälle gab es bisher nur beim Festival of Speed).

Der Freitag ist für freies und offizielles Training vorgesehen.

Am Abend begrüßt dann der Duke of Richmond (Vater von Lord March) die Geladenen im Goodwood House, und man schlendert durch die Säle und bewundert die Familiengemälde dieser adligen Familie; es gibt einen kleinen Imbiss und Champagner. Dann, einem Donnergetöse folgend, stürzen alle vor das Schloss und beobachten staunend die WW2 Jagdflugzeuge, die wenige Meter über dem Boden wieder ihre Vorführung beginnen. Grandios!

Immer dabei: Stirling Moss, Derek Bell, Jochen Maas, John Surtees, Jack Brabham,  Phil Hill, Jacky Ixx

Am Sonnabend findet ein weiteres Training statt, aber gleichzeitig beginnen schon die Rennen der einzelnen Klassen. Dabei immer: Stirling Moss, Derek Bell, Jochen Maas, John Surtees, Jack Brabham, Phil Hill, Jacky Ixx.  Nochmal: Es wird hart gefahren und um jede Position gekämpft. Die historischen Autos sind ausnahmslos perfekt vorbereitet und meist leistungsstärker als zu ihrer Entstehungszeit. Unfälle gibt es, in aller Regel harmlos wegen der großen Auslaufzonen, aber ein teurer Bizzarini wurde trotzdem an einem Erdwall mal um ein Meter verkürzt! Zwischendurch immer wieder Starts der WW2 Flugzeuge.

Am Abend findet dann die berühmte „Motor Circuit Revival Party“ statt, „by invitation only“. Dazu wird eine große Flugzeughalle zu einem Festsaal umfunktioniert. Die Party steht oft unter einem bestimmten Motto, wonach man sich mit der Kleidung richten sollte, aber mit Smoking und großem Abendkleid macht man immer gute Figur. Das Festmahl wird an festlich geschmückten Tischen mit goldenen (?) Bestecken eingenommen, nach dem Lord March den Abend eröffnet hat. Vorführungen und Musik begleiten diesen Abend, den keiner wohl vergessen wird, der dabei war.

Am Sonntag beginnt der Tag mit dem „Track blessing“ des Archbishop von Canterbury, dem höchsten Vertreter der anglikanischen Kirche. Neben ihm die gesamte Familie des Lord March; eine sehr feierliche Angelegenheit. Dann beginnen die Rennen, die  gegen 18.00 Uhr mit der Preisverleihung beendet werden. Dazu versammeln sich alle Teilnehmer auf der Start-Ziel-Geraden und folgen – bei Champagner natürlich – den Worten von Lord March. Damit endet das Goodwood Revival und jeder bereitet seine Abreise vor.


Bilder: Dr. Dietrich Merkel