Es gibt mehr Menschen als man denkt, die das Glück haben eine Leidenschaft zu entdecken und auch über den Biss und das Talent verfügen sie mit Erfolg zu Leben. Unserer Freund Andreas Radewagen aus Braunschweig ist so ein Mensch! Wir haben ihn im positiven Sinne als zielstrebigen Perfektionisten kennen- und schätzen gelernt.

Am Anfang war die Leidenschaft und dann entstand daraus eine Idee

Andreas, wie hat das Ganze bei Dir angefangen?

Alles begann 1973, als ich als 12 jähriger in der väterlichen Firma mein Taschengeld damit verdient habe, aus schrottreifen Fahrzeugen wieder Vehikel zu bauen, mit denen man Motocross zu Beginn und später auch Motorradrennen fahren konnte. Diese Phase der schnellen Zweiräder endete aber relativ schnell und wurde durch meine wahre Leidenschaft, das Bauen und Fahren von Rallyefahrzeugen ersetzt.

Mein erstes komplett aufgebaute Gruppe H Fahrzeug war 1982 ein Golf I GTI . Damit habe ich mir meine ersten Sporen in der norddeutschen Rallye Meisterschaft verdient. Als meine eigenen Mittel nicht mehr ausreichten, um ganz oben mitzufahren, stellte ich mein Wissen dem Team  „Lekutek – Motorsport die Rennboliden“ zur Verfügung und baute für das Team.

 

Dein Ziel, einen eigenen Porsche, hast Du aber dabei nicht aus den Augen verloren?

Nein, ich wollte schon immer einen Porsche fahren und zwar nicht wie alle Träumer einen Porsche 911, sondern einen der zuverlässigen Vierzylinder. Der Zufall wollte es, dass ich 1986 genau meinen Wunschwagen fand: Einen Porsche 924! Der Grundstein für eine wunderbare Freundschaft war gelegt und „Herbert“ wurde geboren.

Einer meiner Förderer aus der Rallye Szene war ein Industriedesigner für Kunststofftechnik. In dieser Firma entstand das neue „Gewand“ für den 924er. Er bekam neue Kunststoffkotflügel und die Heckverbreiterungen im Stil des 944 und um das optische Bild von außen abzurunden statt der großen Glaskuppel im Heck, eine Strossek Heckklappe mit Spoiler aus Kunststoff.

Und dann begann die wahre Herausforderung. Der Motor wurde komplett zerlegt. Dies brachte zwar zu Tage, dass die Basis außergewöhnlich gut war, aber ich wollte ja etwas Besonderes schaffen. Meine Erfahrung aus dem Renn- und Rallyesport half mir dabei. Ich baute ein komplett neues Triebwerk, das mit dem Serienmotor mit 125 PS nicht mehr viel gemeinsam hatte. Genau dieses Herz schlägt noch immer  in „Herbert´s“ Inneren und das nunmehr seit fasst dreihundertundsechzigtausend ziemlich rasanter Kilometer.

Zu dem leistungsgesteigerten und verbesserten Triebwerk folgte natürlich das Fahrwerk, die Bremsanlage und zum Schluss auch die veredelte Innenausstattung. Wer jetzt glaubt, dass dieses Fahrzeug zum meinem alleinigen Lebensinhalt wurde, der irrt. 1990 traf ich mit Martina dann auch noch mein weibliches „Gegenstück“, meine zukünftige Frau Martina. Sie war ebenfalls von dem Virus Porsche infiziert, was lag da also näher, als die Porschefamilie zu vergrößern 😉

Wann habt ihr eure Leidenschaft für Oldtimer Rallyes entdeckt?

Mit dem Familienzuwachs entdeckten wir eine neue Seite des Motorsports. Nachdem ich 1991 meine halbprofessionelle Motorsportkarriere mit der „middle east championship rallye“ in Dubai beendet hatte, haben wir eine Interessengemeinschaft für Vierzylinder gegründet, um mit Gleichgesinnten Ausfahrten zu unternehmen, an besonderen Events teilzunehmen, oder einfach nur zusammen zu feiern. Nach zehn Jahren haben wir dann auch angefangen an Oldtimerrallyes teilzunehmen. 

Um „Herbert“ nicht so hart ran nehmen zu müssen kam ich auf die Idee unserer Familie ein weiteres Mitglied hinzuzufügen und ein reinrassiges Gruppe H Fahrzeug aufzubauen. Ich wollte damit zum einen an regionalen Rundstreckenrennen, in diesem Fall der Börde – Meisterschaft in Oschersleben teilnehmen und auch bei anspruchsvollen Oldtimerrallyes ein Fahrzeug haben, das den Strapazen besser gewachsen ist. Gesagt getan, wir suchten und fanden auch bald das geeignete Fahrzeug, natürlich ein Porsche 924.

Und dann hast du die nächste Porsche 924 Umbau-Herausforderung gestartet?

Da ich bereits am letzten freien Training im November 2002 in Oschersleben starten wollte, blieben ungefähr drei Monate, um aus einem normalen Straßenfahrzeug einen reinrassigen Rennwagen zu bauen. Es mussten also Prioritäten gesetzt werden. Sicherheit hatte absoluten Vorrang!

Wir begannen also mit dem Abspecken der Karosse, alles was nicht unbedingt gebraucht wurde, flog raus. Alle Innenverkleidungen, bis auf die Türverkleidungen wegen der Sicherheit, alle Teppiche Sitze, etc. verschwanden. Kotflügel wurden durch Kunststoffkotflügel, Scheiben wurden durch Kunststoffscheiben ersetzt. Ein  Sicherheitskäfig und ein maßgeschneiderter Fahrersitz mit den dazugehörigen Sicherheitsgurten wurden eingebaut. Ebenfalls ein wichtiger Sicherheitsaspekt waren die Feuerlöscheinrichtung und der „Not – aus – Schalter“, von außen zu bedienen, falls es sein muss. Das Fahrwerk und die Bremse wurden durch Rennsportkomponenten ersetzt und die Karosse wurde in den alten „Le Mans“ Farben lackiert, nämlich unten rot oben weiß. Alles in allem blieben von knapp 1200 kg noch ca. 880 kg über. Für die Motormodifikation blieb keine Zeit, aber ich wollte erst einmal die Abstimmung und das Zusammenspiel von Fahrwerk, Bremse und Reifen testen.

Wie lief der neue Porsche 924 dann beim ersten Rennen in Oschersleben?

Als wir dann im November mit unserer Neuerwerbung auf dem Ring in Oschersleben ankamen, wurde doch das eine oder andere Mal abfällig geschaut, nach dem Motto was wollt ihr denn mit diesem Spielzeug Porsche hier ausrichten. Sicher, wir waren die einzigen mit einem 924er, die Übermacht der 911er GT2 und GT3 war schon sichtbar, aber nicht nur das Material zählt, sondern auch das Können des Fahrers, oder? 😉

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Natürlich stellte sich beim ersten roll out die eine oder andere Schwierigkeit ein, so zum Beispiel beim Tank, wenn er nicht ganz voll war. Das  Benzin rutschte in den Kurven in eine Tankecke, der Motor war nicht mehr optimal versorgt und hatte Aussetzer. Das führte dazu, dass ich nach dem ersten Training auf dem vorletzten Platz lag und in einem Feld von 56 Startern auf Platz 54 an den Start ging 🙈 Dieser schlechte Platz schien den Zweiflern Recht zu geben, ein Porsche 924 war scheinbar nicht konkurrenzfähig.

Aber wir wissen ja, am Ende wird zusammengezählt 😅 Mit vollem Tank startete ich also von Platz 54, als das erste Rennen abgewinkt wurde, lag ich auf Platz 13 – zwei Drittel der leistungsstärkeren Fahrzeuge und deren Fahrer hatte ich hinter mir gelassen 😂  Der ungewöhnliche Renner nötigte den Teilnehmern Respekt ab, da sich zeigte, ich war auf der Geraden sicher langsamer, aber durch geschicktes Fahren in den Kurven, rollte ich das Feld von hinten auf und kämpfte mich durch Leistung, aber auch durch Fairness nach vorne.

Trotzdem endete dieser erste Renntag leider tragisch. Im letzten Roll out des Tages machte ein Rennneuling einen fatalen Fehler und provozierte dadurch einen schweren Rennunfall. Unser kleiner Rennbolide war schwer beschädigt, das gegnerische Fahrzeug war total zerstört. Wie wichtig und vorrangig die Sicherheit in diesem Sport ist hat sich hier wieder gezeigt. Da die Saison zu Ende war, hatten wir nun genügend Zeit, den „Dicken“ wieder aufzubauen.

Im März 2003 stand er in neuem Glanz, aber immer noch mit Serienmotor da, denn die Gelder, die für die Modifikation des Motors gedacht waren, waren in die Beseitigung des Unfallschadens geflossen. Also wurde auch diese Saison mit dem Serienmotor gestartet. Der Erfolg zeigt aber, dass auch seriennahe Motoren eine Chance haben, in den Pokalrängen mitzufahren. Ich konnte die Saison 2003 in der Klasse bis 2000ccm mit dem dritten Platz beenden. Auch die Oldtimersaison war zu Ende mit einem Gesamtsieg, einem zweiten und dritten Platz, war unsere Porschefamilie gut vertreten. Auch hier zeigte sich, wie selten diese Fahrzeuge inzwischen geworden sind, denn bei allen Oldtimerveranstaltungen waren wir die einzigen Vierzylinder, die vertreten waren, ist doch eigentlich sehr schade, oder? 

Und dann hast Du noch weiter aufgerüstet?

Während der Saison 2003 wurde noch ein Zweiter 924 Gruppe H Bolide fertig gestellt, so dass ich jetzt sogar einen Teampartner an meiner Seite hatte. Für das nächste Jahr war noch ein dritter Wagen geplant. Die günstige Basis des Porsche 924 und die zuverlässige Technik ermöglichen auch normalen Motorsportfans die Teilnahme an einer Rennserie, durch meine Ideen hatte ich einen Weg gefunden einen Rennwagen zu bauen, der bezahlbar ist. Eines ist allerdings zu sagen, auch diese Serie ist mit Kosten verbunden, die nicht unerheblich für den einzelnen sein können, wenn man auf die Hilfe von Sponsoren verzichten muss!

Wie kamst du zur historischen deutschen Tourenwagenmeisterschaft?

In den darauffolgenden Jahren 2004 und 2005 gelangen mir mehrere Klassensiege und ich beendete die jeweiligen Rennjahre immer im vorderen Drittel des Starterfeldes. Im Jahr 2006 trat der Chef einer anderen Rennserie an mich heran und offerierte mir das Angebot von nun an in der historischen deutschen Tourenwagenmeisterschaft zu starten. Ab August 2006 gab es also für mich eine neue Herausforderung. Ich wollte „Die deutsche historische Tourenwagenmeisterschaft“ gewinnen! Die Monate bis Saisonende verliefen sehr vielversprechend mit dem einen oder anderen Sieg. Im Jahr 2007 wurde ich Vizemeister. 2008 war der Sprung ganz oben auf das Treppchen geschafft: Ich war Deutscher historischer Rundstreckenmeister! 

Im Jahr 2009 ließ sich der VfV Vorstand eine neue Herausforderung einfallen, sie beschlossen die Rundstrecken- und Bergmeisterschaft gemeinsam auszuschreiben und das erste Mal in der Verbandsgeschichte einen Gesamtmeister zu küren. Mein Ziel war klar gesteckt, dieses historische Ereignis wollte ich meiner Vita hinzufügen. Fortuna war mir wohl gesonnen und ich wurde erster deutscher historischer Meister sowohl in der Berg- als auch Rundstreckenmeisterschaft, deutscher Gesamtmeister 2009! Wir waren einfach das perfekte Team uns so beendeten wir die Saison 2010 genau wie 2011 erfolgreich mit dem erneuten Gewinn der Meisterschaft.

 

Wie ich dich kenne, war noch lange nicht Ende der Fahnenstange und eine neue Herausforderung musste her…

Ja 😅, ein lang gehegter Traum sollte war werden: Langstreckenrennen am Nürburgring! Die grüne Hölle ruft. Mit dem ältesten Fahrzeug im Feld beendete ich die Saison in jedem Rennen der RCN-light Serie unter den ersten Fünf. Die nächste Saison brachte nicht nur auf der Rennstrecke Erfolge, sondern ich wagte auch beruflich einen Neuanfang. Ich gründete meine eigene Firma, eine Werkstatt für Young- und Oldtimer mit dem Spezialgebiet Porsche. BSR-classic-cars war geboren und vom ersten Tag an, ein Erfolg. Das Jahr 2013 begann mit positiven beruflichen Perspektiven und endete mit positiven sportlichen Ergebnissen, der dritte Platz in der Rennserie.

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Das Jahr 2014 steht ganz im Focus der neuen Firma, die Rennserie RCN-light macht immer noch großen Spaß, ist aber in diesem Jahr nur zweitrangig, einige Rennen sind daher für mich ausgefallen. 

Der Rennvirus hat dich aber doch nicht ganz verlassen mit der Firmengründung oder?

Nein natürlich nicht 😂 Es gab noch eine Herausforderung, die in meiner und in der Vita meines Rennwagens fehlte: Die legendäre historische Monte-Carlo-Rallye „Histo-Monte“. Die Gelegenheit ergab sich gleich zweimal. Zuerst im Jahr 2015 und ein zweites Mal 2017. Diese Rallye war ganz speziell da neben dem Spaß auch Pech und Pannen vertreten waren, aber die Lösungen waren natürlich Radewagen-racing-Team typisch!

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Zwischen den zwei großen Rallyes gab es noch die „Coppa Europe“ von Belgien nach Prag. Du siehst also, es wurde nie langweilig und unser treuer, alter Renner war ein zuverlässiger Rennpartner. Also weit weg von einem Spielzeug Porsche .

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Vielen Dank Andreas für diese spannenden Einblicke in deine „Racer“ Vergangenheit. Irgendwie glaube ich nicht wirklich, dass du den Rennanzug endgültig an den Nagel gehängt hast… ich behalte ein Auge darauf und wer weiß welche Herausforderungen sich noch ergeben…


Bilder: Andreas Radewagen, Braunschweig