Johann Bösling gehört, wie auch sein Bruder Robert, zum sehr ambitionierten und talentierten Nachwuchs in der privaten Szene des klassischen Motorsports. Wir haben ihn vor einigen Jahren im Rahmen der ProtoChampSerie kennengelernt. So häufig, wie als Maschinenbau-Student möglich, bewegt er sehr sehr sportlich, fair und souverän seinen alpinweißen 83er Golf GTI auf der Strecke und ist eins mit seinem Fahrzeug. Ich freue mich, dass Johann sich die Zeit genommen hat ein wenig über sich und sein Traumauto zu erzählen 😄. 

 

Wie hat es bei dir angefangen und weshalb gerade ein Golf GTI Johann?

Wenig Gewicht bei vergleichsweise hoher Motorleistung ist ein Rezept für Fahrspaß. Speziell wenn es um Kurvengeschwindigkeiten und agiles Fahrverhalten geht. Bei modernen Autos ist diese Kombination allerdings nur noch selten zu finden. So muss in die Vergangenheit geschaut werden, wo die Autos keine Sitzheizung, Airbags oder sonstige elektronischen „Helferlein“ verbaut haben.

So oder so ähnlich habe ich darüber nachgedacht, was als erstes Auto für mich in Frage kommen würde. Spaß beiseite. Noch vor der Pubertät hat man solche Gedanken nicht. Ich schaute mir fleißig die Bilder aus Papa´s Autozeitschriften an und machte mir so Gedanken, was gut aussieht. Einfache, schlichte Formen sollten es sein. So mit 15 Jahren schaute ich mit voller Begeisterung bereits Bergrennvideos an. Leichte Autos mit Hochdrehzahlmotoren. Das gefällt mir 👍 Nichts mit drei Zylindern und dem Hubraum einer Milchtüte. Von einer Aufladung ganz zu Schweigen.

Ein Auto, welches leicht, vergleichsweise alt ist und im Motorsport Qualitäten besitzt sollte es also sein. Das alles mit einfachen Formen. Wie soll ich sagen…. DER Golf GTI musste es dann sein!

Am liebsten die erste Serie mit den kleinen Rückleuchten und dem „Tittentacho“. So habe ich mich natürlich schnell schlau gemacht was solche Autos können. Obwohl mir das fast egal wurde. Ich wollte so einen!!

Das musste mein Vater dann bestimmt zwei Jahre aushalten. So habe ich ihm jeden ansatzweise guten GTI unter die Nase gerieben mit den Worten „Guck mal Papa, der ist auch ganz gut“. Selbst Schuld, wenn er mir die Geschichten des panama-braunen Golf 1 GL meiner Oma erzählt. Da baut der Sohnemann einfach einen Schalensitz mit Hosenträgergurten ein, knüppelhartes Fahrwerk, 15 Zoll ATS Cup Felgen und lässt meine Oma damit Tag für Tag zum Einkaufen fahren. Coole Oma habe ich da, die das mitmacht!

 

Und wie und wann hast du ihn dann gefunden DEINEN Golf GTI?

Ich, mittlerweile 16,5 Jahre alt, habe direkt mit dem Führerschein angefangen. Da tauchte ein dunkel-blauer GTI im Netz auf. Der musste es sein. Der Preis stimmte, der Kontakt wurde aufgenommen und der Verkäufer wurde ausgepresst. Das Auto war bereits komplett aufgebaut. Leergeräumt, Überrollkäfig, Fahrwerk, Bremsen. Einmal das volle Programm. On Top ist ein 2L-Motor verbaut mit 193PS am Rad!! Das sind dann so Zahlen, die vergisst man nicht so schnell.

Also bin ich wieder zu Papa gerannt und habe mit ihm gesprochen. Mit stark erhöhtem Puls durfte ich den Verkäufer wieder anrufen, wir würden uns das Auto mal ansehen. Gemacht getan. Ergebnis: „Leider kommt heute ein Käufer“. Ich enttäuscht wieder aufs Sofa und wieder das Internet nach dem nächsten potenziellen Fahrzeug durchforstet.

Dann ist die nächste Anzeige reingekommen. Dieses Mal habe ich den Verkäufer einfach sofort angeschrieben, bevor ich das Auto meinem Vater gezeigt habe. Das hat sich am Ende als richtig herausgestellt, da ich als erstes Kontakt aufgenommen habe und somit das Privileg hatte, mir das Auto als erstes anschauen zu dürfen. Da der Golf keine 10km weit weg stand, wollte ich auch gleich am nächsten Tag los. Erstes Problem: Das Auto steht noch in Schweden 🙈… Also habe ich noch gute zehn Tage gewartet, bis wir endlich das Auto begutachten konnten. Ich bin also zwischenzeitlich bestmöglich vorbereitet, was die Schwachstellen der „Gölfe“ angeht, mit Papa dort aufgeschlagen.

Ich habe mich sofort verliebt, als ich das Auto gesehen habe 😍. Ein Glück war das Auto nicht blau sondern Alpinweiß 😅. So wie es bei einem Einser GTI gehört. Einzige Veränderungen am Auto waren ein Gewindefahrwerk, breite Reifen auf BBS Felgen und eine andere Abgasanlage.

 

 

Der GTI sprang an, lief butterweich und sah aus jedem Blickwinkel verdammt gut aus. Eine Probefahrt war leider nicht möglich, da wir keine roten Nummern dabei hatten und das Auto in Schweden bereits abgemeldet wurde. Bei der Preisverhandlung war mein junges Alter von 16 sehr vorteilhaft und ich konnte den Preis nochmal weiter drücken. Am Ende konnte ich mit Papa am 27.07.2016 einen alpinweißen 83er GTI kaufen! Da der Besitzer noch auf eine Kiste Teile wartete war er so freundlich und hat uns das Auto einige Tage später mit den Teilen vorbeigebracht. Darunter war ein Satz Snowflake Felgen mit Spikebereifung dabei. Typisch Schweden!

 

Jetzt warst du aber doch weiterhin erst 16… wann konntest du den GTI endlich selbst fahren?

Ja, die erste eigene Probefahrt musste leider noch etwas warten. Die Führerscheinprüfung war absolviert, 16 war ich aber trotzdem noch.

Jeder mag jetzt denken, ich habe bis zu meinem Geburtstag gewartet, um dann mit meinem Vater als Begleitperson fahren zu können. Falsch gedacht. Aufgrund von Schwierigkeiten mit der schwedischen Zulassungsbehörde konnte das Auto noch nicht zugelassen werden. Somit musste der GTI nach Zandvoort getrailert werden. Hier stand noch vor meinem Geburtstag eine Veranstaltung der ProtoChampSerie an. Das haben dann meine Eltern übernommen. Ich dachte mir, ich fliege einfach mal nach Amsterdam, wo ich dann abgeholt werde. Grund dafür war, dass ich bis zu meinem Abreise-Tag auf einer Schulreise in Prag war. So konnte ich dann auch die lästige Busfahrt zurück nach Hamburg umgehen 😆.

 

Deine ersten Meter im eigenen Golf GTI hast du also in Zandvoort gedreht? Kein schlechter Startpunkt!

Ja, die ersten Meter im Auto habe ich im Fahrerlager von Zandvoort absolviert. Keinen Kilometer mit dem Auto gefahren, ging es am nächsten Tag direkt auf die Rennstrecke. Was will man mehr?

So war die Fahrt an meinem Geburtstag dann im Vergleich fast schon langweilig. Bis zu meinem 18. Geburtstag wurde das Auto auch kaum bewegt, aber an dem Tag bin ich natürlich sofort die 2km zur Schule gefahren. Danach ging es aber auch wieder in den Winterschlaf für den GTI.

 

Viel Zeit für kleine Veränderungen und Anpassungen nehme ich an oder?

Haha, ja nun ging die Zeit des Tunings los. Was hat Kamei im Angebot, oder Oettinger? Breitbau?

Nein natürlich nicht. Mein Ziel war es von Anfang an, die Optik nicht zu verhunzen. Es gibt noch genug Tuningsünden aus den 80ern und 90ern auf den Straßen. Als Motorsportler stand also im Vordergrund, die Fahrdynamik des Autos zu verbessern. Angefangen bei Domstreben und einem Schalensitz. Der Sitz ist dann bis vor kurzem auch drin geblieben, da der originale gebrochen war. Aber der Weihnachtsmann war so gnädig mit meinem Rücken und hat den Sitz repariert, sodass ich den Schalensitz nur noch für die Rennstrecke ein und ausbaue.

Weitere kleine Investitionen waren z.B. härtere Motorlager oder eine Schaltwegverkürzung. Das größte Upgrade waren aber das neue Gewindefahrwerk und die große G60 Bremse vom Golf 2. Es ist unvorstellbar, wie viel besser und sicherer sich das Auto anfühlt. Die Rundenzeiten auf diversen Rennstrecken purzelten und ich fing an, zumindest auf der Bremse und den Kurven die großen Jungs zu ärgern. Auf den Geraden heißt es leider immer noch Kaffee trinken. Aber die nächste Bremszone kommt bestimmt. Der Fahrer selbst muss das Potential des Autos natürlich noch umsetzen können und so am Lenkrad drehen, dass man im Grenzbereich fährt, aber nicht darüber hinaus. Denn die nichtvorhandenen Assistenzsysteme werden dir nicht helfen können. Das macht den Reiz noch mehr aus das Auto zu fahren. Du selbst entscheidest, was passiert und wie es passiert. Die Elektronik schreibt die nicht vor, wie du zu fahren hast.

 

Den einen oder anderen Urlaub habe ich auch schon mit meinem besten Freund im Golf GTI verbringen können. So ging es 2018 in die Eifel an den Nürburgring, wo ich bisher meine erste und einzige Runde  auf der Nordschleife absolviert habe. Es wird aber mit Sicherheit nicht bei der einen Runde bleiben. Wenn es das Jahr 2021 zulässt, wird in diesem Jahr erneut der Ring unsicher gemacht. Zusätzlich wurde in dem Urlaub ein kleiner Bericht von Auto Motor und Sport (Video Kurzfassung unten) über mein Auto gedreht, mit dem Rennfahrer Christian Menzel am Steuer.

 

 

 

Wie sieht es mit deinem Traum einer Alpenfahrt mit dem GTI aus?

Seitdem ich den Golf GTI besitze, hatte ich den Traum mit ihm durch die Alpen zu fahren. Dieser Traum wurde dann im September 2020 verwirklicht. Dabei stand für mich immer das Fahren im Vordergrund. Wandern in den Alpen nur auf vier Rädern. So standen wir kurz vor 6.00Uhr bei Dunkelheit vor der Schranke der Großglockner-Hochalpenstraße. Natürlich an der Poleposition. Oben angekommen genossen wir den Sonnenaufgang und fegten weiter Richtung Dolomiten. Einer meiner besten Urlaube. Nächstes Mal möchte ich noch mehr fahren und noch mehr Pässe überqueren. Standfest ist die alte Technik dann doch größtenteils. Eine abgerissene Spoilerlippe und ein unplanmäßiger Boxenstopp an einer Werkstatt später haben wir gut 2800km abgespult.

 

Wie geht es mit euch beiden weiter?

Jetzt freue ich mich den GTI diesen März wieder aus dem Winterschlaf holen zu dürfen und dann natürlich auf jede einzelne Minute mit dem Auto. Was an weiteren Touren geplant ist, kann ich nicht genau sagen. Allerdings will ich unbedingt mal auf den Bilster Berg und auch weitere Rennstrecken dieser Welt. Froh bin ich mittlerweile auch einen 83er GTI zu besitzen. Die breiten Rückleuchten machen das Auto nochmal erwachsener und lassen den Wagen noch breiter wirken.

Upgrade-technisch wird als nächstes die Bremse standfester ausgelegt. Standfester in dem Sinne, dass die Beläge noch mehr Hitze abkönnen und so die Bremsperformance Runde für Runde stabil bleibt. Außerdem soll dieses Jahr das Lenkrad zum Sattler, um eine Auffrischungskur zu bekommen. So bin ich mit dem Auto in den viereinhalb Jahren gute 23.000km gefahren. Darunter fallen auch etwa 10 Trackdays. Und der Motor hält. Da haben die Jungs bei VW ein Wahnsinns Auto gebaut, ohne die es sportliche, kleine leichte Autos in der Form eines Kompaktwagens nicht geben würden.

 

 

Vielen Dank Johann für diese tollen Einblicke und weiterhin ganz viel Spaß mit deinem Golf GTI 👍


Bilder: Johann Bösling, Braunschweig und Hamburg